Wie viel Vergangenheit steckt in Deiner Gegenwart?

Hast Du das Gefühl, immer wieder dieselben Fehler zu machen und gleichen Handlungsmuster ständig zu wiederholen? Dann wird es Zeit, sich mit der Ursache dafür zu beschäftigen.

Festgefahrene Handlungsmuster

Ich glaube, fast jede von uns kennt das: Wir sind in einer Situation und wir würden uns so wünschen, ruhig, souverän und gelassen zu reagieren, aber jemand sagt oder tut etwas oder betritt auch nur den Raum und die Emotionen kochen hoch. Oder wir wollen endlich „nein“ sagen zu den Anforderungen des Chefs, der Schwiegermutter oder der besten Freundin, schaffen es aber einfach nicht.

Du nimmst es Dir fest vor, legst Dir vielleicht schon Sätze bereit oder gehst in Gedanken ca. 50 fiktive Gesprächsverläufe durch, und dann kommt der Moment und Du sagst wieder „ja“, nur um dich hinterher zu ärgern. In diesen Fällen gibt es meist tief verankerte Verbindungen in Deine Vergangenheit.

Du hast die Macht, zu entscheiden, was wirklich zählt.

Greg McKeon

Einen Schritt zurücktreten

Du wünschst Dir also Veränderungen in Deinem Leben und willst endlich loslegen, diese Veränderungen herbeizuführen.

Dann ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um einen Schritt zurückzutreten und eine Bestandsaufnahme zu machen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

  • Du hältst die Eckdaten deiner eigenen Geschichte fest. Nicht, weil Du einen professionellen Lebenslauf schreiben musst, um Dich auf eine neue Stelle zu bewerben. Sondern um DEINE Geschichte zu schreiben.
    • Was hat Dich geprägt?
    • Wer waren wichtige Personen in Deinen Leben und warum?
    • Wie bist Du dahin gekommen, wo Du heute stehst, wenn man mal vom Schulabschluss absieht?
  • Du kannst Verständnis und Selbstmitleid entwickeln. Manchmal gehen wir durch schwere Zeiten, überstehen sie irgendwie und sind hinterher einfach nur froh, dass sie vorbei sind. Deshalb wollen wir auch gar nicht mehr weiter daran denken und drüber reden schon gar nicht. Aber solche Zeiten prägen uns und können noch lange, nachdem wir sie durchgestanden haben, unser Denken und unser Verhalten beeinflussen. Indem wir uns das bewusst machen, es anerkennen und akzeptieren, können wir diese Verhaltensweisen loslassen und Raum für neue schaffen.
  • Du schaffst einen soliden Ausgangspunkt für die Veränderung, die Du in Dein Leben holen wirst. Hierfür kannst Du Dir vorstellen, Du sitzt in einem Auto in einer Tiefgarage und versuchst, Dein Navi auf Dein nächstes Ziel zu programmieren. Du kannst dem Navi sagen, wo Du hinmöchtest, aber so lange das Navi sich nicht mit den Satelliten verbinden kann, also nicht weiß, wo Du bist, kann es Dir auch nicht sagen, welchen Weg Du einschlagen sollst. Genau so funktioniert die Bestandsaufnahme. Du stellst fest, wo Du eigentlich bist und wie Du dort hingekommen bist, dann kann es losgehen zum nächsten Ziel!
  • Du kannst Zusammenhänge, Muster und Ursachen erkennen und begreifen. Wie man immer so schön sagt: „Im Nachhinein ergibt alles einen Sinn“.  Und mit manchen Sachen ist das tatsächlich so. Lass mich Dir dazu kurz eine meiner eigenen Erfahrungen schildern.

Der Vorgesetzte

Ich hatte mal einen Vorgesetzten (den Chef meiner damaligen Chefin), der hat mich immer wieder auf die Palme gebracht. In regelmäßigen Abständen musste ich eng mit ihm zusammenarbeiten und an jedem dieser Tage ließ er in unsere Gespräche, manchmal mehrmals, kleine ironische Kommentare einfließen. Kleine Spitzen, die sich gern mal darauf bezogen, dass etwas noch nicht fertig war, oder wieder geändert werden musste, oder ich etwas auf eine bestimmte Weise gemacht hatte.

Das machte mich wahnsinnig, schließlich war ich sehr engagiert, machte Überstunden und tat mein Bestes, um einen guten Job zu machen, und er kritisierte ständig mich und meine Arbeit. Egal, wie viel Mühe ich mir gar, er fand immer etwas, was er kommentieren konnte. Nach einiger Zeit brauche er nur das Büro zu betreten, indem er saß, und ich spürte schon die Wut in mir hochkochen. Unserer Zusammenarbeit war das natürlich nicht zuträglich.

Der Punkt ist: Er meinte das gar nicht böse und machte das auch mit anderen, sogar mit sich selbst. Es war seine Art von Humor und sein Versuch, die stressige Situation aufzulockern. Aber er sprach damit einen Trigger an, den in meiner Kindheit eine Person in mir angelegt hatte. Diese Person befand sich mir gegenüber in einer Machtposition und hat mich ständig mit kleinen Witzen auf meine Kosten abgewertet, während ich vergeblich versuchte, den Ansprüchen dieser Person gerecht zu werden.

Trigger identifizieren

Nachdem ich schließlich verstand, dass dieser Trigger in mir in der Vergangenheit angelegt wurde, und dass mein Vorgesetzter unabsichtlich immer wieder diesen Trigger ansprach, konnte ich nach und nach eine neutrale Haltung zu meinem Vorgesetzten entwickeln.

Worauf will ich damit hinaus? Nicht jeder muss eine jahrelange tiefenpsychologische Therapie durchlaufen, um im Heute Verbesserungen herbeizuführen. Aber eine bewusste Rückschau auf die eigene Vergangenheit und die Anerkennung der positiven und negativen Erlebnisse kann schon eine große Erleichterung und signifikante Fortschritte bringen.

Was aus der Vergangenheit kann Dich heute noch an Deiner Weiterentwicklung hindern?

Lass mich hierfür einige Beispiele nennen:

  • Glaubenssätze: Was glaubst Du über Dich, die Menschen und die Welt, das möglicherweise gar nicht stimmt? Hier gibt es eine große Bandbreite an Möglichkeiten, die mehr oder weniger große Auswirkungen haben können. Das kann von „ich mag keinen Spinat“ (weil ich ihn mit drei immer ausgespuckt habe und seitdem nicht mehr probiert habe) bis hin zu „ich bin kein liebenswerter Mensch“ gehen.
  • Traditionen: Ein ganz klassisches Beispiel dafür ist die Berufswahl. Wenn in deiner Familie alle Krankenschwester sind, dann bist Du vielleicht auch Krankenschwester geworden, obwohl Dir ein künstlerischer Beruf viel mehr gelegen hätte. Es können aber auch subtilere dinge sein, die uns im ersten Moment gar nicht bewusst sind, zum Beispiel wenn es um die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in einer Beziehung geht.
  • Verpflichtungen: Wem gegenüber fühlst Du Dich verpflichtet und in wie beeinflussen diese Verpflichtungen Deine Entscheidungen? Ob das die Pflege der Großeltern, die Erstellung der Steuerklärung für die Eltern (weil Du bist ja Steuerberaterin) oder die ewige Dankbarkeit einer Freundin gegenüber ist, weil sie in schwierigen Zeiten für Dich da war. Verstehe mich nicht falsch: es ist nichts Schlechtes an Dankbarkeit oder Fürsorge, aber wenn Du dadurch negativ beeinflusst wirst, dann lohnt es sich, hier genauer hinzuschauen.
  • Projektionen und Übertragungen: Hier sind wir wieder bei meinem Beispiel mit dem Chef. Wenn eine Beziehung aus der Vergangenheit heute Deine Beziehung zu komplett anderen Menschen beeinträchtigt, dann stellt dies ein Hindernis dar.
  • Selbst- und Fremdvorwürfe: Welche Ereignisse und Handlungen wirfst Du Dir immer wieder vor oder werden Dir von Anderen immer wieder vorgeworfen und was macht das heute mit Dir?

Wie also gehst Du dieses Thema nun an?

Um die eigene Geschichte zu schreiben und den aktuellen Status festzuhalten gibt es unterschiedliche Übungen. Zwei davon werde ich Dir in Folgeartikeln vorstellen und Dir auch Übungsblätter zum Runterladen zur Verfügung stellen, die Du für die Übungen nutzen kannst.

Schreib Deine eigene Geschichte

Die erste Übung heißt „Schreib Deine eigene Geschichte“. Dabei geht es, wie gesagt, nicht um einen nüchternen Lebenslauf, sondern viel mehr um die Abschnitte Deines Lebens:

  • Wann hat welcher Abschnitt begonnen und warum?
  • Welche Personen waren jeweils von Bedeutung?
  • Wie hat dieser Abschnitt Dich geprägt und wie beeinflusst er Dich heute noch?

Hier findest Du eine ausführliche Beschreibung der Übung und dazu ein passendes Arbeitsblatt, das Du Dir kostenlos herunterladen kannst:

Der Status

Die zweite Übung heißt „Der Status“, und Du hast vielleicht schon von ihr gehört. Dabei definierst Du (in der Regel) 8 Bereiche, in die Du Dein heutiges Leben kategorisierst. Oft sind das zum Beispiel: Familie, Freunde, Karriere, Gesundheit, Spiritualität, Finanzen und so weiter. Dann bewertest Du diese Bereiche auf einer Skala von 1-10 und schreibst auch auf, wie Du zu dieser Bewertung kommst.

Eine ausführliche Beschreibung dieser Übung findest Du hier und dazu ein passendes Arbeitsblatt, das Du Dir kostenlos herunterladen kannst:

Du kannst es vermeiden, Dich der Realität zu stellen, aber die Folgen, die es hat, sich nicht der Realität zu stellen, die kannst Du nicht vermeiden.

Ayn Rand

Was kannst Du noch tun?

Du kannst die folgenden Journaling-Fragen nutzen, um schon einmal zu beginnen, dich mit dem Thema zu beschäftigen:

  • Denke an wichtige Erfahrungen in Deinem Leben zurück. Frage Dich: Wie hat diese Erfahrung meine Sicht auf die Welt oder das Leben beeinflusst? Hat diese Erfahrung dazu geführt, dass ich heute limitierende Glaubenssätze habe?
  • Wem und was sollte und kann ich vergeben?
  • In welchem Bereich meines Lebens bin ich besonders glücklich und warum?

Diese Fragen können Dir helfen, eine stärkere Basis für künftige Veränderungen zu schaffen. Indem Du Dir bewusstwirst, welche Hemmnisse aus Deiner Vergangenheit Du noch mit Dir herumträgst, kannst wichtige Ansatzpunkte identifizieren. Die Frage nach der Vergebung hilft Dir vielleicht, alten Groll loszulassen und so Raum für neue Gefühle zu schaffen.

Mir ist bewusst, dass grad Vergebung für Vorkommnisse in der Vergangenheit ein großes Thema sein kann, das möglicherweise viel Zeit braucht, bis Du das Gefühl hast, Fortschritte zu machen. Versuche nicht, hier etwas zu erzwingen. Erstelle vorerst nur Deine Liste und lass sie auf Dich wirken. Du kannst sie auch zur Seite legen und später wieder zur Hand nehmen. Manchmal haben wir auch das Gefühl, nicht vergeben zu können und auch das ist erst einmal in Ordnung.

Auch glaube ich nicht, dass Du vergeben musst, um Dich weiterentwickeln zu können. Aber Groll erzeugt eine Art Spannung, gegen die Du dann bei bestimmten Themen oder in bestimmten Situationen immer anarbeiten musst. Das kann auf Dauer eine große Anstrengung sein und, wenn die Spannung zu groß wird, auch zu Spannungsentladungen an Stellen führen, wo sie eigentlich nichthingehören. Deshalb ist es immer hilfreich, sich eines Grolls bewusst zu sein. Und sei es nur, um das eigene Verhalten in der Gegenwart besser steuern zu können.

In der letzten Frage soll es darum gehen, die positiven Seiten zu sehen. Deine Inseln der Ruhe. Wenn wir unzufrieden sind und uns Veränderungen wünschen, dann neigen wir manchmal dazu, nur noch das zu sehen. Aber ein Leben ist in der Regel nicht einseitig. Es gibt immer gute und schlechte Seiten und die guten können Dir als Kraftpunkte in der Veränderungsphase dienen. Denn Veränderungen sind anstrengen und kosten Energie. Damit Dir zwischendurch nicht die Puste ausgeht, ist es wichtig zu wissen, wo Du entspannen und ausruhen kannst.

Basis für Veränderungen

Du siehst also, es kann Dir sehr viel helfen und eine solide Basis für Veränderungen schaffen, wenn Du Dir die Zeit nimmst, kurz inne zu halten, und Dir Deiner Vergangenheit und Gegenwart bewusst zu werden. So kannst Du Fragen für Dich beantworten wie

  • In welchen Lebensbereichen bin ich Zufrieden und in welchen nicht?
  • Was aus meiner Vergangenheit hindert mich in der Gegenwart?
  • Woraus ziehe ich Kraft?
  • Bin ich frei für Veränderungen oder gibt es Bindungen an die Vergangenheit, die ich erstmal lösen muss?
  • Welche Entscheidungen treffe ich wirklich aus freiem Willen und welche aus Glaubenssätzen, Verpflichtungen und Selbstvorwürfen heraus?
  • Welche meiner heutigen Verhaltensweisen gehören in die Vergangenheit und sollte ich loslassen?

Weiterführende Tipps

  1. Setze Dich mit den oben genannten Fragen auseinander
  2. Bearbeite die Übungen „Schreib Deine eigene Geschichte“ und „Rad des Lebens“
  3. Das Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl
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Ich freu mich, wenn Dir der Artikel gefallen hat und Du ihn weiterempfiehlst. Und mich interessiert, ob Du schonmal eine Bestandsaufnahme mit dem „Rad des Lebens“ oder einer anderen Übung gemacht hast. Verrate es mir doch in einem Kommentar.

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