Zeig Deine Verletzlichkeit

Sich verletzlich und angreifbar zu zeigen, das fällt in unserer heutigen Welt oft nicht leicht.

Antwortet man auf ein „Wie geht es Dir?“ zu oft mit etwas anderem als „Gut, und Dir?“, dann bekommt man schnell ein schlechtes Gefühl. Man möchte den anderen nicht zur Last fallen und keine schlechte Laune verbreiten.

Ich habe keine Schwächen

Stark und selbstständig zu sein, das gilt als das non plus Ultra. Und tatsächlich ist Unabhängigkeit und Selbstständigkeit in bestimmten Aspekten auch sehr wünschenswert, doch leider führt es heute schon so weit, dass es uns unangenehm ist, um Hilfe zu bitten oder zuzugeben, dass wir etwas bestimmtes nicht können. Wir tun uns schwer damit, einzugestehen, dass uns etwas nicht gelingt oder Unbehagen bereitet.

Doch die Wahrheit ist, dass jeder Mensch in bestimmten Bereichen stark sein und selbstbewusst seinen Weg gehen kann, während er in anderen unsicher ist. Jeder ist in einigen Bereichen zufrieden und in anderen nicht. Mal belastet uns etwas mehr und mal weniger.

Die Heldengeschichte

Das ist ganz normal, doch uns wird vermittelt, dass jede Schwäche oder Unsicherheit und alles was uns belastet uns unangenehm sein sollte. Darüber sprechen sollten wir nach Möglichkeit nur, wenn wir es im Rückblick tun, verbunden mit einer sogenannten Heldengeschichte. „Früher hatte ich dieses oder jenes Problem, aber heute habe ich das überwunden.“

Leider führt das zu einer Scham, über Dinge zu sprechen, die nicht perfekt sind. Wir halten Menschen für mutig, die öffentlich zeigen, dass sie nicht vollkommen sind und zwar jetzt und dass sich das vielleicht auch nicht mehr ändern wird.

Seine Verletzlichkeit zu verstecken macht einsam
Foto von Roberto Nickson auf Unsplash

Wie geht es Dir? – Chaos, und bei Dir so?

Da jubeln die Mütter, wenn eine andere Mutter öffentlich zeigt, dass ihr Zuhause mit zwei kleinen Kindern nicht immer aufgeräumt ist. Weil es ihnen genau so geht, ihnen aber nicht vermittelt wird, dass das normal ist. Da feiern die jungen Frauen eine Frau, die allgemein zugänglich zeigt, dass ihr Körper nach einer starken Abnahme nicht straff und glatt ist. Und es ist völlig richtig, diese Menschen in dem was sie tun zu bestärken, denn es ist wichtig was sie tun. Aber es ist unglaublich traurig, dass Menschen, die so etwas zeigen nicht die Regel sind, denn im wirklichen Leben sind sie die Regel.

Das Leben ist eine Achterbahn und keine Flusskreuzfahrt

Wie kann es sein, dass wir uns für unser normales Leben, in dem es Hoch und Tiefs, Lachen und Weinen, Freude und Trauer, Stärke und Schwäche, Energie und Kraftlosigkeit gibt, schämen? Wieso ist es uns unangenehm, nach einer Trennung, einem Todesfall oder einem anderen schlimmen Erlebnis nicht sofort wieder vor Freude zu strahlen? Warum können wir nicht akzeptieren, dass es Tage gibt, an denen nicht die Sonne scheint und wir gern im Bett bleiben wollen? Warum vermitteln wir uns das Gefühl, Stimmungsschwankungen sein etwas unnormales, dass Menschen im Alltag nicht haben? Und weshalb können wir die Vielfalt unserer Körper nicht feiern und ihre sanften und weichen Stellen lieben?

Angst und Liebe

Warum haben wir so große Angst davor, nicht akzeptiert zu werden, wenn wir diese Dinge mit anderen teilen? Zugegeben, es gibt immer jemanden, der solche Offenheit nicht aushalten kann oder mag. Da ist oft jemand, der es nicht verträgt, wenn die Menschen nicht so sind, wie sie seiner Vorstellung nach sein sollen. Und manchmal ist da auch jemand, der einfach nicht sieht, was seine Äußerungen in anderen bewirken.

Aber im Großen und Ganzen ist da Liebe. Wenn wir uns verletzlich zeigen, dann erreicht uns meist eine riesige Welle der Liebe, Unterstützung und Bestätigung. Da sind Meschen, die uns beistehen und uns einen Teil unseres Weges stützen. Da sind Menschen, die uns applaudieren und uns anfeuern. Und da sind Menschen, die uns verstehen und die unsere Erfahrungen teilen.

Verletzlichkeit in der Gemeinschaft

Wenn wir uns verschließen und uns entscheiden, nur bestimmte Teile unseres Lebens mit anderen zu teilen, dann berauben wir uns so großartiger Erfahrungen und wir nehmen uns selbst aus der Gemeinschaft. Das hat nicht nur den Effekt, dass wir uns oft viel einsamer fühlen, als wir tatsächlich sind, wir werden auch noch Teil dieses Systems und geben anderen das Gefühl, dass auch sie sich nicht schwach und verletzlich zeigen sollten.

Deshalb möchte ich Dir zwei Dinge mitgeben:

Erstens: Du bist nicht allein! Was auch immer Dich belastet, wieso auch immer Du Dich angreifbar fühlst, es gibt andere, denen es genau so geht. Sie offen und sprich über diese Dinge, such Dir Verbündete und Unterstützung. Und lass Dich nicht von jenen beeinflussen, die Dir vermitteln, es gäbe keinen Raum dafür.

Zweitens: Bestärke andere darin, sich verletzlich zu zeigen. Biete Deine Unterstützung an oder sag einfach ein nettes Wort, womit auch immer Du Dich wohlfühlst. Wichtig ist nur, dass diese Menschen nicht das Gefühl bekommen, falsch zu sein. Sie müssen erfahren, dass es normal ist, solche Gefühle zu haben und derlei Erfahrungen zu machen. Denn so ist es, es ist Teil unseres Lebens.

Sei mutig

Zum Schluss möchte ich sagen, dass es auch mir schwerfällt, mich verletzlich zu zeigen. Das Maß, in dem ich das tue, hängt stark davon ab, in welchem Umfeld ich mich gerade bewege. Und auch das ist normal. Aber ich versuche, mich immer mehr zu öffnen und anderen zu zeigen, dass auch mein Leben nicht nur aus positiven Momenten besteht.

Lass uns also gemeinsam daran arbeiten, dass alle wieder mehr Verletzlichkeit zeigen können, denn das ist es, wodurch wir zum Gemeinschaft werden.

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